Am 18. November 2024 wird es 1.000 Tage her sein, dass Russland die Ukraine angegriffen hat. Pastor Gennadiy Mokhnenko arbeitet als Militärseelsorger an den Frontlinien des Krieges in der Ukraine. Was der evangelikale Christ dabei erlebt und welche inneren Kämpfe er selbst durchstehen muss, hat er IDEA-Redakteurin Erika Gitt erzählt.
Gennadiy Mokhnenkos Leben gleicht einem Trümmerhaufen: In seinem Haus im südostukrainischen Mariupol leben jetzt russische Soldaten. Seine Kirche, die ehemals größte Freikirche der Stadt, ist teilweise zerstört und wird von den russischen Besatzern als Gefängnis genutzt. Das von ihm gegründete Kinderheim musste er in letzter Minute evakuieren.
Der Großteil seiner Familie – drei leibliche und 38 adoptierte Kinder – ist geflohen; eine Tochter ist beim Angriff auf Mariupol getötet worden. Seine schwerkranke Frau lebt mit einigen Kindern in Süddeutschland, andere in Finnland oder den USA. Zehn Söhne und eine Tochter kämpfen als Soldaten an der Front. Ein Sohn hat dabei seine linke Hand sowie drei Finger der rechten Hand verloren, ebenso ein Auge.
„Einmal sagte mir ein US-Pastor, ich sei eine Mischung aus Rambo und Billy Graham“
Trotzdem fährt Mokhnenko als Militärseelsorger tagtäglich an die Kriegsfront. Er weiß: Er wird dann schlimme Dinge sehen, riechen und hören. Er wird russischen Raketen ausweichen müssen, sich die Nöte und Ängste von Soldaten und Zivilisten anhören, Soldatenleichen – oder auch nur Teile von ihnen – mit einem Spezialfahrzeug zu ihren Familien bringen oder Zivilisten aus dem Kampfgebiet evakuieren.
Der 56-jährige freikirchliche Pastor leitet das Seelsorgerbataillon Mariupol. Seit seine Heimatstadt im Mai 2022 in die Hände der Russen fiel, arbeiten er und sein 230-köpfiges Team aus Pastoren, Seelsorgehelfern und Freiwilligen von Saporischschja im Süden der Ukraine aus.
Bevor es für alle in die Schützengräben und Frontsiedlungen geht, treffen sich die Christen zum Gebet, zu einer kurzen Andacht und einer Schweigeminute für die Gefallenen. Anschließend wird aufgeteilt, wer an welche Frontlinie fährt. Mokhnenko und seine Kameraden tragen Tarnkleidung. Nicht selten trägt der Geistliche darunter ein schwarzes Collarhemd sowie ein silbernes Kreuz als Halskette. Immer dabei: die Sonnenbrille. „Einmal sagte mir ein US-Pastor, ich sei eine Mischung aus Rambo und Billy Graham“, erzählt der Geistliche schmunzelnd. Er selbst bezeichnet sich als eher schwachen Menschen.

Gennadiy Mokhnenko im Gebet mit einem Soldaten. Foto: privat
Die Ängste der Soldaten
Die Autos, beladen mit Lebensmitteln, Wasser, Medikamenten, Decken und anderen Hilfsgütern, fahren die Christen an die Front. „Bei einem Tee im Schützengraben öffnen sich viele der Kämpfer und reden sich ihre Ängste und Nöte von der Seele“, sagt Mokhnenko. Und die haben viel gemein mit seinen eigenen: Sie sehnen sich nach ihren Familien, teils aus der Ukraine geflohen, und haben Angst vor dem allgegenwärtigen Tod.
Mokhnenko und seine Leute hören zu, ermutigen mit Hilfe der Bibel und beten mit den Soldaten. Oft fließen bei allen Anwesenden die Tränen. Warum er sich ausgerechnet als Militärseelsorger engagiert, erklärt er so: „Seit 30 Jahren handle ich nach der Überzeugung, dass Kirche immer da sein muss, wo die Probleme sind, und gegen das Böse ankämpfen muss.“ Das habe er nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bei der Drogenhilfe unter Tausenden obdachlosen Kindern und Jugendlichen getan – dasselbe tue er nun im Krieg: Licht bringen.
„Acht Monate lang konnte ich kein einziges Buch mehr aufschlagen. Nur ab und an die Bibel – ich war ja schließlich Pastor“
Den inneren Kampfgeist stärken
Die Arbeit sei schwierig. Aber der Pastor weiß, wie wichtig sein Dienst für den Ausgang des Krieges und die Soldaten an sich ist: „Auch wenn Waffen wichtig und nötig sind, ist die kriegsentscheidende Waffe der innere Kampfgeist.“ Den gelte es zu unterstützen, ist Mokhnenko überzeugt.
Vor den persönlichen Opfern der Soldaten hat er großen Respekt. Es gehe um Selbstverteidigung und darum, die Freiheit der Ukraine zu erhalten – notfalls sterbe man dafür. In diesem Zusammenhang erinnert er an die Bibelstelle in Johannes 15,13: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“
Inwiefern die Soldaten sich tatsächlich durch die Impulse der Seelsorger für ein Leben mit Jesus entscheiden, vermag er nicht zu beantworten. Mokhnenko verweist aber auf den gekreuzigten Sünder an Jesu Seite, der der Einladung Jesu zur Umkehr im letzten Moment nachkam. Tatsächlich habe noch nie ein Soldat ein Gebet mit ihm ablehnt – auch die Atheisten nicht.

Der freikirchliche Pastor leitet das Seelsorgerbataillon in seiner Heimatstadt Mariupol, die im Mai 2022 in die Hände der Russen fiel. Grafik: ideagrafik
Mokhnenko im Einsatz
Als Militärseelsorger setze er sich dafür ein, dass die kämpfenden Männer und Frauen nicht abstumpfen, sondern in ihrem Handeln menschlich blieben. Bei dem Anblick der vielen Getöteten und Verstümmelten und zerstörten Städte sei die Gefahr groß, vor Hass wahnsinnig zu werden und die Liebe gänzlich zu vergessen. Hier sieht sich Mokhnenko mit seinem Team in der Verantwortung, mit dem Wort Gottes gegenzusteuern und die Soldaten dafür zu sensibilisieren.
Im Leid nicht abstumpfen
Wie sehr Krieg die Seele belastet und einen Menschen verändert, kennt er aus eigener Erfahrung. Die Einnahme Mariupols und die damit verbundenen traumatischen Erlebnisse hätten ihn geistlich in die Knie gezwungen, so Mokhnenko. „Acht Monate lang konnte ich kein einziges Buch mehr aufschlagen. Nur ab und an die Bibel – ich war ja schließlich Pastor“, erinnert er sich.
Es waren enge Freunde, die ihm neuen Lebensmut und Kraft für seine Arbeit gaben. Um nicht selbst seelisch krank zu werden, redet das Seelsorgerbataillon miteinander offen über die eigenen Erfahrungen und Gefühle. Sie beten füreinander und träumen gemeinsam vom Frieden. „Es ist wie im Flugzeug mit den Gasmasken bei einem Notfall: Du kannst nur anderen helfen, wenn du dich zuvor selbst versorgt hast“, sagt Mokhnenko.
In all dem Leid nicht abzustumpfen schaffe er nur mit dem Fokus auf die Leben, die er mit seiner Arbeit retten kann. Vor einiger Zeit habe er einen Zwölfjährigen aus einem Keller geborgen. Ein Paar aus den USA hatte ihn adoptiert, und er sollte bald zu ihnen in die Staaten fliegen. „Es waren seine künftigen Adoptiveltern, die mich anriefen und mich anflehten, ihren Sohn aus dem Kriegsgebiet zu holen“, erzählt Mokhnenko. Unter Beschuss konnten er und sein Team den Jungen tatsächlich evakuieren. Heute lebt der Teenager in Sicherheit in den USA.

Ein Foto aus glücklichen Tagen: Mokhnenko (l.) mit einem Teil seiner Familie und seiner Frau (vorne). Foto: privat
Sehnsucht nach Frieden
Mokhnenko zahlt wie viele andere auch einen hohen persönlichen Preis für seinen Einsatz. Mit Tränen in den Augen erzählt er: „Vor einigen Nächten wachte ich auf und dachte, meine Frau liegt neben mir. Als ich sie umarmen wollte, bemerkte ich, dass es nur ein Traum war.“ In den vergangenen zweieinhalb Jahren habe er sie nur vier Tage besucht. Ferien macht er nicht. Seine Kinder und Enkelkinder sieht er nur digital aufwachsen.
Immer wieder betont er, wie dankbar er sei, dass die Deutschen – und die Christen hierzulande – an der Seite der Ukraine stehen. Er dürfe einen Teil seiner Familie dort in Sicherheit versorgt wissen. Und so betet Gennadiy Mokhnenko weiter für ein Ende des Krieges und für Freiheit – nicht nur für die Ukraine, sondern auch für Russland und Belarus.